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01032011 Unser Redaktionsmitglie Prof. Clausnitzer schrieb uns: Zu dem bekannten Artikel von Frau Karen Forrest, veröffentlicht in deutscher Übersetzung in der „Sprache-Stimme-Gehör“ Nr. 4/2002, habe ich mir – bereits 2009 – folgende Einschätzung erarbeitet:: Grundsätzliche Bemerkung: Der Nutzen der MFT für eine Therapie von Artikulationsstörungen wird von Frau Forrest rundweg bestritten. Diese Schlussfolgerung ist einseitig, voreingenommen und nach den von der Autorin angeführten Argumenten nicht haltbar.
Meine Gegenargumentation: Die Autorin bezieht sich auf vier Ansätze in der MFT, die sie dann zu widerlegen versucht: 1.) In der MFT wird schrittweise vorgegangen, wobei komplexe motorische Abläufe in Einzelsequenzen zerlegt werden. 2.) Die MFT versucht den Tonus und die Kraft der auch für das Sprechen erforderlichen Muskeln zu trainieren bzw. ins richtige Gleichgewicht zu bringen. 3.) Die MFT berücksichtigt die frühkindliche sensomotorische Entwicklung und deren eventuelle Störungen mit den sich daraus ergebenden späteren Schäden. 4.) Die MFT bezieht sich auf die Erkenntnis, dass die Artikulations- und überhaupt Sprach fähigkeit des Menschen auf anderen (vitalen) mundmotorischen Kompetenzen aufbaut.
Ehe im Einzelnen auf diese vier Ansätze eingegangen wird, sollen einige grundsätzliche Bemerkungen zur Argumentationsweise der Autorin angeführt werden: Zunächst werden zwar einige Studien für und wider die MFT angeführt, die allerdings aus den Jahren 1976 bis 1981 stammen. Dabei vergisst Frau Forrest M. Hansons zusammen mit M.V. Andrianopoulos 1982 veröffentlichte Studie „Tongue Thrust and Malocclusion: A Longi-tudinal Study“ (Int. J. of Orthodontics 20 (1982), No. 2, 9-18), ebenso die später vom Ehe-paar V. und H. Hahn erstellte Untersuchung „Zehnjahresstudie über die Effizienz der MFT“ (Informationen aus Orthodontie und Kieferorthopädie 24 (1992), H. 4, 573-578) sowie die vom Ehepaar V. und R. Clausnitzer zu verschiedenen Aspekten der Zusammenhänge von Dysgnathien/Sprachfehler/Dysfunktionen an über 1000 Probanden ermittelten Ergebnisse (z. B. „Wechselwirkungen zwischen den Funktionen des orofazialen Systems und Dysgnathien. Eine zusammenfassende Darstellung“ (In: Krech, E.-M., Stock, E. (Hg.): Sprech-wissenschaft – zu Geschichte und Gegenwart. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissen-schaften Frankfurt/Main et al. 1999, 131-143) und andere.
Außerdem vermischt die Autorin erworbene Sprechapraxien bei Erwachsenen (Dworkin, J.P., Abkarian, G.G., Johns, D.F.: Apraxia of speech: the effectiveness of a treatment regimen, in: J. Speech Hear. Disorders 53 (1988), 280-294) mit motorischen Dyslalien von mit MFT betreuten Patienten, bei denen es sich um motorische Retardierungen handelt. Im übrigen werden immer wieder mundmotorische Übungen bei Sprechapraxien, Dysarthrien und anderen neurologisch bedingten Sprach- und Sprechstörungen mit Erfolg eingesetzt. (Und wo sind schließlich die Grenzen zwischen „reinen“ motorischen Störungen und neurologisch bedingten, d. h. auch mit bildgebenden Verfahren nachweisbaren Abweichungen zu ziehen?)
Bei den von der Autorin herangezogenen Publikationen fällt die einseitige und für eine Metastudie viel zu geringe Anzahl von Einzelveröffentlichungen mit meist zu wenigen Studienteilnehmern auf, aber auch die fehlende Berücksichtigung der internationalen und besonders europäischen Literatur.
Ein weiterer Kritikpunkt besteht in der Tatsache, dass in den von Forrest mit Coautoren veröffentlichten und im Artikel herangezogenen Arbeiten nur von phonologischen Artikulationsstörungen die Rede ist, die bekanntlich nicht auf eine motorische Grundstörung zurückzuführen sind. (Es sei denn, es handelt sich um gemischte phonologisch-phonetische Dyslalien; dann muss nach allgemeinem logopädisch-sprechwissenschaftlichem Konsens ohnehin unter anderem auch mit mundmotorischen Übungen begonnen werden.)
Nun zu den vier Argumentationslinien, die die Autorin widerlegen möchte: zu 1.) Für mich sind Segmentation und Fraktionierung im Wesentlichen gleichartige Phäno-mene. Außerdem überzeugt Forrests Argumentation nicht, dass zunächst in Einzelschritten geübte Sequenzen nicht die korrekte Ausführung der Gesamtbewegung garantieren könnten. Über 130 Jahre gesammelte Erfahrungen von Krankengymnasten, Sportlern, myo- funktionellen Therapeuten und Logopäden/Sprachtherapeuten (und auch Pädagogen!) widerlegen diese Behauptung. Diese Argumentation Forrests gilt für reine phonologische Dyslalien, bei denen es eben nicht um die Fähigkeit geht, Einzelsequenzen zu beherrschen, sondern es geht um die richtige Anwendung von Phonemen, die ja phonetisch, d. h. motorisch beherrscht werden, aber nicht am richtigen linguistischen Platz.
zu 2.) Richtig ist, dass es noch keine Normwerte für die Kraft der Lippen bei Kindern gibt, die auch sehr schwer zu definieren sind, da sehr viele Faktoren bei der Bestimmung dieser Kraft berücksichtigt werden müssen. Auch hier werden von Forrest zu wenig Untersuchungen einbezogen. So werden z. B. die von S. Hensel schon 1976 in seiner Greifwalder Habilitationsschrift vorgelegten Ergebnisse seiner elektronischen Druckmessungen im orofazialen Weichteilmilieu beim Schlucken, Sprechen und in der Ruhelage der Zunge „vergessen“. Die Folgen hypotoner Muskeln für bestimmte Leistungen sind bekannt und vielfach beschrieben worden. Die von Forrest angeführte Literatur widerlegt aber in keiner Weise die Notwendigkeit der Behebung eines Hypotonus und schon gar nicht die Erfolge seiner Verbesserung, auch gerade für Artikulationsstörungen. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die weitergehenden Ausführungen von E. Thiele (2009).
zu 3.) Zunächst führt Frau Forrest Artikel an, die eine sensomotorische Basistherapie bei Dyslalien befürworten, sowie solche, die diesen Übungen keine Bedeutung beimessen. Hierzu muss bemerkt werden, dass es eben nicht nur um eine allgemeine sensorische Stimulation geht, sondern um vielfältige und differenzierte Übungen vor allem der taktilen und kinästhetischen Wahrnehmung und darüber hinaus weiterer perzeptiver Fähigkeiten (z. B. Gleichgewichtssinn, Hör- und Sehsinn sowie der allgemeinen Koordinationsfähigkeit, der Raum- und Zeitorientierung). Und das sollte möglichst in einem ganzheitlichen Übungs-setting erfolgen, um den komplexen sensomotorischen Bereich zu fördern, wie wir spätestens seit Piaget wissen. Und was die Autorin unter „sprachähnlichen Aktivitäten“ versteht, führt sie nicht aus (meint sie eventuell diese sensomotorische Komplexität, die immer auch Bewegungstraining impliziert?). Der zuletzt von ihr noch angefügte Hinweis auf ihre zweite Argumantationslinie überzeugt auch in diesem Zusammenhang nicht; diese musste bereits unter Punkt 2. widerlegt werden.
zu 4.) Dass Forrest die phylogenetische und ontogenetische Entwicklung des Sprechens und der Sprache aus vorsprachlichen Kompetenzen des Saugens, Schluckens und Kauens leugnet, ist ihr nicht ganz zu glauben. Diese Ansicht ist Allgemeingut verschiedener Wissenschaften, nicht nur der myofunktionellen und logopädisch-sprechwissenschaftlichen Therapeuten. Sie bestätigt ja selbst, dass frühe (und nicht weiterentwickelte) Fähigkeiten der Patienten überwunden werden müssen (vgl. ihre Literaturangabe Green et al. 2000), um den Weg für den Erwerb weiterer Fähigkeiten freizumachen. Schließlich muss die Unterstellung schärfstens zurückgewiesen werden, dass es zu wenig Verfahren zur Dyslalietherapie gäbe, weswegen auf die MFT zurückgegriffen werden müsste. Hier zeigt sich deutlich die Einseitigkeit der Autorin, wie überhaupt ihre ungenügende Kenntnisnahme des internationalen, insbesondere europäischen Schrifttums zur Thematik von einer gewissen Ignoranz zeugt, die einer wissenschaftlichen Diskussion widerspricht.
Schlussfolgerungen:
1.) Die Argumentation K. Forrests gegen den Einsatz mundmotorischer Übungen in der Therapie von Dyslalien steht auf äußerst tönernen Füßen, sie ist nicht zu akzeptieren.
2.) Erfahrungen vieler Praktiker seit über 130 Jahren beweisen das Gegenteil.
3.) Ernstzunehmende wissenschaftliche Untersuchungen in Dissertationen usw. bestätigen die Notwendigkeit des vorangestellten Einsatzes mundmotorischer Übungen in vielen Fällen von Artikulationsstörungen.
4.) Die internationale Literatur zur Thematik wurde nur ganz lückenhaft einbezogen (Europa, Japan, Brasilien fehlen weitgehend).
5.) Die Leugnung der phylogenetischen und ontogenetischen Entwicklungslinien, die von der übergroßen Mehrheit der Autoren vertreten wird, ist nicht zu akzeptieren.
6.) Auch aus Sicht des heute allgemein anerkannten multifaktoriellen Therapieansatzes ist die einseitige (vorgefasste) Argumentation der Autorin nicht zu verstehen, da sie heute allgemein anerkannte Auffassungen negiert.
7.) Eine Reihe von Hinweisen, wie z. B. der Aufruf zu weiteren Langzeit- und Querschnittsuntersuchungen zu den aufgeworfenen Fragestellungen, ist zu begrüßen. Dazu müssten aber von Frau Forrest in den letzten Jahren erschienene diesbezügliche Dissertationen, Bachelor- und Masterarbeiten zur Kenntnis genommen werden. Autor: Prof. Dr. Volkmar Clausnitzer Heckenweg 10, D-84547 Emmerting |
01032011 Our publishing board member Prof. Clausnitzer wrote us: To the noted article from Karen Forrest , published in German translation in „Sprache-Stimme-Gehör“ Nr. 4/2002, I – already in 2009 - drew up the following assessment:
Fundamental comment: The benefit of the MFT (Myofunctional Therapy) for our therapy of articulation disorders is refused point-blank by Mrs. Forrest. This deduction is biased, prejudiced and untenable from the arguments cited by the author.
My counter-argumentation: The author refers to four topics in MFT which she, then, tries to prove wrong: 1.) In MFT there is practiced a stepwise procedure whereas complex motor processes are segmented into single sequences. 2.) MFT tries to work out tonicity and strength of the muscles required for speaking respectively to bring them into the correct balance. 3.) MFT tries to take into account the early childhood senso-motor development and its potential disorders with the resultant later damages. 4.) MFT refers to the rationale that the ability of man to articulate and generally to speak is built up upon other (vital) oral motor competencies.
Before further responding to these four approaches in detail some fundamental notes about the way of argumentation of the author shall be raised: At the beginning admittedly some studies pro and contra the MFT are referred to however originating from the years 1976 till 1981. Here Mrs. Forrest is forgetting the studies published by M. Hanson together with M.V. Andrianopoulos 1982 „Tongue Thrust and Malocclusion: A Longi-tudinal Study“ (Int. J. of Orthodontics 20 (1982), No. 2, 9-18), as well as the later on by V. and H. Hahn issued study “„Zehnjahresstudie über die Effizienz der MFT“ (Informationen aus Orthodontie und Kieferorthopädie 24 (1992), H. 4, 573-578) and further the results established by V. and R. Clausnitzer about different aspects of the connections of dysgnathia/ speech defect/ dysfunction on over 1000 individuals ( for example “interdependencies between the functions of the orofacial system and dysgnathiae. A summarizing description.” (In: Krech, E.-M., Stock, E. (Hg.): Sprech-wissenschaft – zu Geschichte und Gegenwart. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissen-schaften Frankfurt/Main et al. 1999, 131-143) and others.
More over the author mixes up the acquired speech apraxia in adults (Dworkin, J.P., Abkarian, G.G., Johns, D.F.: Apraxia of speech: the effectiveness of a treatment regimen, in: J. Speech Hear. Disorders 53 (1988), 280-294) with motor Dyslaliae of MFT treated patients which suffer from motor retardations. Apart from that oral motor exercises are repeatedly applied with success for speech apraxia, dysarthria and other neurologically caused speech and speaking disorders. ( And where, after all, are the limits between “pure” motor disorders and those neurologically caused, i.e. traceable with imaging methods as well?)
For of the publications used from the author the biased and for a meta-study by far too low number of single publications is striking, but, as well, the missing consideration of the international and especially European literature.
A further point of criticism is given by the fact that in the papers published by Forrest and co-authors and drawn by in the article only phonological articulation disorders are mentioned which, as is generally known, are not the result of a motor basic disorder. ( unless it is a matter of mixed phonological/ phonetical dyslaliae which would, after a common logopedic –linguistic consent, require, among others, to start with oral motor exercises.)
Let us now have a look at the four argumentation lines the author tries to refute: Ref. 1.) To me segmentation and fractionation are substantially similar phenomena. Moreover Forrests argumentation is not convincing when she says that initially single-step practiced sequences would not guarantee the correct execution of the complete motion. Experience collected in over 130 years by physiotherapists, sports people, Myofunctional Therapists and speech and language therapist ( and pedagogues as well) defy this contestation. That argumentation from Forrest is only valid for solely phonologic dyslaliae being not combined with the ability to control single sequences but the assignment is the correct use of phonemes which, indeed, are controlled phonetically, i.e. by motor skills but not in the right place.
Ref. 2.) It is correct that there are no standard values for the strength of the lips from children which, moreover, are difficult to define as multiple factors have to be regarded for the definition of this force. Here, too, to few studies are implied by Forrest. So, for example, the results presented by S. Hensel already in 1967 in his Greifswald habilitation treatise of his electronic pressure measuring in the orofacial soft tissue environment with swallowing, speaking and in the resting position of the tongue are not mentioned. The consequences of hypotone muscles for defined performances are well known and repeatedly described. The literature cited by Forrest in no way contradicts the necessity to correct a hypotonia and not at all the advances of an improvement especially for articulation disorders. In this connection I would like to refer to the ulterior implementations of E. Thiele (2009).
Ref. 3 ) At the first Mrs. Forrest is citing articles advocating a senso-motor basis therapy for dyslaliae as well as such that do not place great importance on these exercises. In this context it should be noted that the chore is not just a common sensorial stimulation but various and differentiated exercises mainly of the tactile and kinaesthetic perception and further perceptive abilities.
(For example the equilibrioception, the sense of hearing and vision as well, as the common coordination ability, the space and time orientation). And this should be accomplished in a holistic exercise setting to foster the senso-motor region, as we at the latest are knowing since Piaget. And what the author is understanding to be “speech-like activities” she does not explain (may it be that she is hinting at senso-motor complexity always also implying motion training?). Her lastly mentioned suggestion on her second line of argumentation does not convince in this connection, too; it already had to be refuted under point 2.
Ref. 4) It is hard to believe that Forrest denies the phylogenetic and ontogenetic development of speaking and speech from the pre-speech competence of sucking deglutition and mastication. This view is common wealth of various sciences not only of the myofunctional and logopedic –linguistic therapists. She herself, indeed, acknowledges that earlier (and not further developed ) abilities of the patients will have to be redressed (compare her literature citation of Green et al. 2000) to clear the treck for the acquisition of further abilities. Finally we need to refute the suggestion in the strongest possible terms that there are to view methods for a dyslalia therapy being the reason for drawing on MFT. Here clearly shows up the singlehanded view of the author as generally her insufficient acknowledgement of the international and especially European literature in respect of this topic which may show a certain ignorance which is contradicting scientific discussion.
Conclusions:
1.) The argumentation of K. Forrest against the usage of oral motor Exercises in the therapy of dyslaliae stands on feet of clay and is unacceptable.
2.) The expertise of many practitioners of more then 130 years suggests the opposite.
3.) Serious scientific investigations and dissertations and the like are stating the necessity of a preceeding application of oral motor exercises in many cases of articulation disorders.
4.) International literature on this topic has been implicated only quite patchy (Europe, Japan, Brazil are missing mostly).
5.) The denial of the phylogenetic and ontogenetic lines of development being advocated by the majority of all authors is unacceptable.
6.) As well from the viewpoint of the today commonly acknowledged multifactorial therapeutic approach the singleminded argumentation of the author is not to be understood as it is negating the today commonly acknowledged opinion.
7.) Several hints as for example the call for further long-term and cross-sectional studies for the introduced issues is to be welcomed. This asks for Mrs. Forrest to notice the respective dissertation, master and bachelor works having been published during the last years. Author Professor Dr. Volkmar Clausnitzer, Heckenweg 10, D-84547 Emmerting / Germany Translation by E. Thiele, Kiel
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